Hier plaudert die RedakteurIn aus eigener Erfahrung.... Eine Stadtfamilie zieht ins ländliche Umfeld

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Hier plaudert die RedakteurIn aus eigener Erfahrung… Eine Stadtfamilie zieht ins ländliche Umfeld
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Wir wohnten damals in der Stadt, 380.000 Einwohner, mitten drin. Verkehrsberuhigt, Anliegerstraße auf denen die Kinder spielten. Abends so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hören konnte. Trotzdem, unser Traum war ein eigenes Fleckchen Erde! Großes Haus, Garten mit Kräutern und Rosen, zum Feierabend am See zu sitzen, Rehe die bis in den Garten kommen - da wo andere ihr Wochenenddomizil stehen haben. Genau das hatten wir gefunden!

Traumlage Grundstück – Dorf/Gemeinde, 3000 Seelennest, ländliches Niederrhein im Grenzbereich zu Holland. Traumhaus, groß, mit viel Platz für uns, einer Katze und einem Hund, Raum für unsere mittlerweile riesige Bibliothek (2-mal vererbte und liebgewonnene Bücherwände) und unsere Instrumentensammlung für Hausmusik im Hardrockstil. unseren Freunden und den lieben Verwandten.

Wir, unsere Familie, Ehepaar mit einem 15jährigen Sohn (eingebunden ins städtische Leben, mit Freunden und Verein) und einer 4jährigen Tochter, ebenfalls mit schon vorhandenem, sozialen Gefüge. Also - raus aus dem hektischen Leben der Stadt, kauften wir Stadtpflanzen unser Heim. Fakt war, wir hätten solch ein großes Objekt, mit unverbaubarer Seelage, in der Stadt weder bekommen noch bezahlen können. Ausschlaggebend war auch die Preislage. Auf dem Land ist‘s halt immer etwas günstiger…

Wir kalkulierten die Fahrtkosten zu unseren Arbeitsstätten ein als auch beide Fahrzeuge um rundum mobil zu sein. Checkten die Nutzung des öffentlichen Verkehrsmittel Bus, und dachten es ist damit getan. Einkaufsmöglichkeiten gab es direkt im Dorf, Arzt und Apotheke waren zu Fuß erreichbar. Kindergarten und Grundschule im Ort, Sportplätze und Outdoor-Spiel-Abenteuer-Plätze ohne Eintrittsgeld soweit das Auge reichte. Perfekte Abstimmung all unserer Kriterien und das mit einer ausreichenden Infrastruktur – es kam anders als gedacht.

Die Fahrtstrecke in die nächstgelegene Kleinstadt mit rund 15 km über die Landstraße ist nicht wirklich weit. Zur Arbeitsstelle waren es rund 25km, Bushaltestelle zwar direkt in der Nähe, doch die Fahrtpläne haben wir nicht genau betrachtet! Der Sohn, der seinen Freundeskreis und die schulische Anbindung jedoch in unserer Stadt beibehielt, war der erste Angelpunkt. Sein gesamtes Umfeld und der Verein in 25km Entfernung! Auch die Busanbindung stellte sich als Herausforderung dar. Die Abfahrt war von morgens um 6.00h bis 22.00 Uhr stündlich möglich, aber ins Dorf hinein kam man nur bis 19.30 Uhr. Ab dieser Zeit nur bis zur nächsten Haltestelle ein Dorf weiter, in 5km Entfernung! Vereinsleben und Kursplanung unserer Jüngsten, vom Schwimmunterricht über Musikschule, unserem sportbegeisterten Ältesten, der 1-mal wöchentlich zum Tauchen und mehrmals zu anderen Veranstaltungen unterwegs war, fanden allesamt in der City statt. Zudem war der Beginn dieser Vergnügen, nicht mit den Abfahrtzeiten unserer Buslinie kompatibel! Das Ergebnis, die Freizeitplanung der Kinder bestimmten unter anderem die Fahrtkosten und mein Zeitmanagement.. Wer lässt sein Kind in den Abendstunden allein 5 km über die Feldstrecken laufen oder mit dem Fahrrad in der Dunkelheit fahren? (Nicht umsonst haben viele Mütter ein TAXI-Schild auf ihrem Gefährt kleben!)

Zeit, ein kostbares Gut wenn man diese nicht mehr zur Verfügung hat! So hatte ich nach 1 Jahr auch meinen Job gekündigt. Der Kindergarten im Dorf hatte andere Öffnungszeiten als der in der Stadt….Hinzu kam, dass die weiterführenden Schulen auch nur in der Stadt angesiedelt sind. Unser Sohn hätte sonst gewechselt. So fuhr er morgens um 6.15 Uhr mit dem Schulbus, stieg 3-mal um und war um kurz vor acht auf dem Schulgelände. Die Unterrichtszeiten ließen jedoch oft 2 und 3 Freistunden zwischen den Leistungskursen und keine Heimkehrmöglichkeit zu. Und wer kennt es nicht – jugendlicher Morgenschlaf?! Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben oder die Mutter. Zu erwähnen sei auch, dass der Schulbusfahrer nur ungefähre Abfahrtzeiten – mal früher, mal später für sich in Anspruch nahm. Ich weiß nicht mehr wie oft ich den Jungen zur Schule fuhr. Discotaxi - haben Sie davon schon einmal gehört? Es soll die Dorf-Jungend zum Tanzvergnügen gefahrlos hin und zurück bringen. Angeblich genügt ein Anruf. Angeblich.... Oder Fahrgemeinschaften - Eltern, die sich mit der Kurverei ihrer Kleinen abwechseln... Klar,einer fährt immer. Die Frage ist nur wer?!? Auf eines ist jeden Fall verlass, dass es keine Verlässlichkeit gibt!

Auch als Paar hatten wir so unsere Probleme mit der Entfernung. Es ist halt schwierig, wenn man abends um 18.30 Uhr erst zu Hause und eine Stunde später in der Stadt zum Kinoabend mit Freunden verabredet ist! Zwar sind 20 bis 30Minuten Fahrt keine riesige Zeitspanne, dennoch, wenn man diese Strecke mindestens schon 3-mal täglich gesaust ist, (1x Arbeit und zurück, 1x Taxidienst Schwimmkurs Tochter, 1x Abholdienst Sohn) glauben Sie mir, dann mögen Sie nicht mehr so ganz entspannt nochmal ins Auto klettern. Und Sie überlegen sich, ob man mal eben aufgrund eines geführten Telefonats abends um 22.30h zur Weinstube fährt um dort mit Freunden für eine halbe Stunde zu plaudern und den Abend ausklingen zu lassen, im lauen Sommernächtle.

Gottseidank, unser Großer bekam seinen Führerschein. Erleichterung und Zeit pur! Aber alles hat zwei Seiten der Medaille. Da ich nicht bereit war, meine Mobilität in Wartezeit auf mein Automobil zu tauschen, wurde ein drittes Auto angeschafft. Unterhaltskosten als auch zusätzliche Fahrtkosten (wenn man schon eigene 4 Räder hat, dürfen die Strecken auch länger werden….) wurden um ein weiteres Aufstocken unseres Budgets fällig. Hatten wir das kalkuliert? Selbstverständlich nicht in diesem Umfang.

Und das Wochenende? Am Wochenende hatten wir Besuch. Alle liebten unser schönes Kleinod mitten in der Natur! Urlaub pur für jeden… Nicht dass wir nicht gern Besuch hatten, aber nein! Wie das so mit Freunden und Verwandten ist. Jeder kommt gern und ist auch gern gesehen. Man plant, kocht, serviert und bewirtet. Unsere Wochenenden, auf unserer Terrasse, an unserem See, in unserem Wintergarten - das Urlaubsparadies. Füße hoch - Entspannung – ja, wie denn bei einem vollen Haus? „Freitag habt ihr doch noch nichts geplant, wir kommen dann – es ist ja eh Wochenende... man könnte dann zusammen am Samstagmorgen… Ihr seid doch Samstag da, wie ihr habt etwas anderes vor? Wir kommen zum Grillen…. Wir bringen auch was zu Trinken mit….Sonntag, oh toll wir sitzen dann bei Euch am See. Wir kommen dann aber was früher….kannst du nicht den superguten Aprikosenkuchen nochmal backen? Zu den Feiertagen passt es bei Euch immer besser als bei uns – ihr habt mehr Platz!!!“ Für mich hätten alle Wochenenden und Feiertage, von Ostern bis Weihnachten, auf einen Tag fallen können – es wäre ein Abwasch und nicht so anstrengend gewesen. Klar – in der Küche stand ich! Hätte ich es vorher gewusst, ich hätte keinen Familiennamen auf unsere Klingel geschrieben sondern in großen Lettern Ferien-Gästehaus auf’s Dach montieren lassen und mindestens 30 Euro für die Übernachtung mit Vollpension pro Person kassiert. Wahrscheinlich hätten wir uns nach 15 Jahren aus dem Berufsleben als Privatier zurückziehen können….

Manchmal flohen wir einfach nur. Raus aus dem Naherholungsgebiet, rein ins pure Leben! Unsere Gäste – oft unangemeldet, standen dann staunend vor verschlossener Tür. Ihr wohnt so toll und genießt Euer Glück nicht!

Ich will nicht sagen, dass ich damals unzufrieden oder unglücklich war. Der Vorteil war doch unschlagbar – unsere Kinder hatten eine tolle Zeit. Mit Zeltstätten und Lagerfeuerfeeling im Garten, Partys ohne Lärmpegelbeschränkung, keine Nachbarn die sich über unsere Hausmusik (Rock vom Feinsten) mit aufgedrehtem Gitarrenverstärker und großem Schlagzeug beschwerten. Mein Rosen-Kräutergarten mein Stolz – Rehe gab es natürlich auch, aber auch Wildschweine. Die einen kamen um die Blüten abzugrasen, die anderen um zu pflügen. Der Hund und die Katz hatten Auslauf pur. Niemand musste gassigehen, denn die Viecher konnten gefahrlos selbst ihre Wege ablaufen. Dorfidylle, Landleben, Natur pur - aber ich? - ich war einfach vielfach gestresst!

Mittlerweile sind die Kinder ausgezogen. Das Haus vieeeel zu groß. Unsere Überlegung, was passiert wenn wir mal nicht mehr Autofahren können? Wenn wir mit Rollator uns auf Wald- und Feldpfaden fortbewegen und unsere Wege in die Stadt mehr als mühsam werden?

Wir haben unser Kleinod verkauft! Wir leben wieder in der Stadt. Nicht mittendrin aber auch nicht draußen. Nicht mehr gestresst – nein, gelogen – weniger gestresst. Mit kleinem ebenerdigen Haus (Bungalow!) und Garten. Ich arbeite auch wieder und die Freunde und Verwandten besuchen WIR jetzt; treffen uns wieder spontan und vermissen nicht einmal „unseren“ See – denn da fahren wir jetzt hin, wenn wir ins Urlaubsparadies wollen - um liebgewonnene Freunde zu besuchen…

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